Gedanken zu Markus 9,24

 

von Prof. Dr. Rolf-Ulrich Kunze

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!
Markus 9,24
 

Die Jahreslosung 2020 stammt aus der Erzählung von der Heilung des besessenen Knaben. Es geht um Vertrauen, wenn der Vater des Besessenen nicht nur einfach sagt, sondern aus Verzweiflung schreit: Ich will ja glauben. Aber beweise mir, dass es wirkt.

Die deutsche Sozialhistorikerin Ute Frevert hat sich über zwei Jahrzehnte mit dem Thema Vertrauen beschäftigt. In ihrem Buch ,Vertrauensfragen‘ aus dem Jahr 2013 spricht sie im Untertitel von einer ,Obsession der Moderne‘. Ihre Kulturgeschichte des Vertrauens ist ein hohes Lob des Misstrauens, das sich auf die berühmte Formel Lenins bringen lässt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Moderne, Wissenschaft und Demokratie beruhen auf gesundem Misstrauen gegenüber jeder Form der Macht und vorgegebenen Autorität. Vertrauensvorschüsse erzeugen Diktaturen und Zivilisationsbruch. Aufgeklärte, nicht rückwärtsgewandte und blind autoritäts- und wundergläubige Menschen müssen in der Lage sein, den herdenhaften Impuls zu Vertrauen insbesondere gegenüber allen Machthabern und vermeintlich ewigen Wahrheiten effektiv zu unterdrücken. Freverts Misstrauensgeschichte hat einen wahren Kern. Als soziales Wesen ist der Mensch sowohl auf Vertrauen wie auf Misstrauen angewiesen. Aus dem einen wie dem anderen folgen sehr unterschiedliche Menschenbilder: einfach gesagt, ein optimistisches und ein pessimistisches.

Die Markus-Erzählung wäre für die Historikerin ein klassischer Beleg für ihre Sichtweise. Der Vater verhält sich in ihrem Sinn außerordentlich aufgeklärt und vernünftig, indem er einen Beweis dafür verlangt, dass es sich zu glauben lohnt. Das ist seine Antwort auf die Ansprache Jesu: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. (Mk 9,23) Und auch nach vollzogener Wunderheilung ähnelt die Haltung der nachfragenden Jünger der des fordernd auftretenden Vaters: Warum konnten wir das nicht? Worauf Jesus antwortet: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten. Das wiederum passt so gar nicht in das Bild, dass die Historikerin vom angelegten Missbrauch des Vertrauens entwirft. Denn es geht hier überhaupt nicht um Machterhalt. Und wenn etwas bewiesen wird, dann die Verzweiflung, in die das Misstrauen führt.

Es kann über menschliche Kräfte gehen, Vertrauen zu haben. Aber welche Potentiale an Unmenschlichkeit der Vertrauensverlust bewirken kann, davon bekommen wir derzeit an vielen Supermarktkassen einen guten Eindruck. Am Ende hat man kein Vertrauen, aber Kontrolle über eine Packung Klopapier mehr. Und es ist keine ,Obsession der Moderne‘, dass ich in einer solchen Gesellschaft nicht leben möchte. Damit das so sein kann, ist auch Vertrauen nötig.