Gedanken zu Psalm 23, 1

 

von Prof. Dr. Rolf-Ulrich Kunze

Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Psalm 23,1

 

So steht es in der Taufbescheinigung unter der Geburtskurkunde für Rolf-Ulrich Martin Michael vom 9. Februar 1969, ausgestellt von der evangelisch-lutherischen Lutherkirche Osnabrück. Die Patinnen sind eine Cousine meiner Mutter, die einzige nicht in der DDR lebende Verwandte, und eine Mitstudentin aus ihrem Spätberufenenstudium an der PH Osnabrück. Der Stempel der Lutherkirchengemeinde ist noch größer als der des niedersächsischen Standesbeamten in Osnabrück.

Auf den ersten Blick wirkt es ein wenig wie theologische Standardware, was der kurz vor dem Ruhestand stehende Pastor an Luther meinen Eltern und mir da mitgegeben hat. Woran könnte er dabei gedacht haben, als Angehöriger der kurz nach 1900 geborenen Generation, die zu jung für den Ersten Weltkrieg, in der NS-Zeit und im Zweiten Weltkrieg erwachsen war? Zunächst vielleicht die schlichte Tatsache, dass hier ein Kind ziemlich alter Eltern getauft wird. Meine Mutter ist 42, mein Vater 43. Bei meiner Konfirmation würden sie über Mitte Fünfzig sein. Für die Erlebniszeugen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte die Planbarkeit des eigenen Alterns nicht zu den durch Erfahrung bestätigten Gewissheiten. Insofern ist die Versicherung einer absoluten übergeordneten Sicherheit im definitorischen Indikativ von höherer Bedeutung als bei den in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Geborenen. Die Bildwelt des Psalms 23 hat für denjenigen eine ganz andere, existenzielle Bedeutung, der erlebt hat, wie alle Gewissheiten zu Null gesetzt werden. Deshalb ist der ganze Psalm mitzudenken: die grüne Aue, das frische Wasser, das Erquicken der Seele, aber auch die rechte Straße um seines Namens willen. Und das finstere Tal, das Unglück. Das ist nur auszuhalten, wenn Gutes und Barmherzigkeit mir mein Leben lang folgen. Die Eltern haben ihren Anteil daran, wie lange auch immer. Die Patinnen, von denen die eine meine Konfirmation nicht mehr erleben wird. Die Gemeinden in ganz unterschiedlichen Landesteilen und Landeskirchen. Aber auch ganz andere Erfahrungen.

Nach der Konfirmationszeit habe ich gegen das Hirten-Bild rebelliert: Wer sagt mir, dass ich ein betreuungsbedürftiges dummes Schaf in einer Herde bin? Das blökend mit allen anderen in eine Richtung rennt, wenn es nicht vor Gefahren bewahrt wird? Die Unterschätzung der Gefahren legt sich mit der Zeit. Weder ist man selbst nur Schaf, noch besteht die Herde nur aus Schafen. Behütetsein und Verantwortung schließen sich nicht aus.