"Die Verlobten"
von Prof. Aldo Venturelli
"Die Verlobten", der berühmte Roman von Alessandro Manzoni aus dem Jahr 1827 , gelesen auf dem Hintergund der aktuellen Corona- Pandemie
Alessandro Manzoni: Die Brautleute/Die Verlobten und die Pest in Mailand im 17. Jahrhundert
Manzonis Roman erschien im Jahr 1827. Die Beschreibung der Pest, die in Mailand in den Jahren 1629-1633 wütete – ist ein wesentlicher Bestandteil des Romans: Die Pest beginnt im Kapitel 28 und endet im letzten Kapitel 38. Goethe bewunderte, in seinen Gesprächen mit Eckermann, Manzonis Roman, wenn auch er kritisch gegenüber der historischen Beschreibung der Pest blieb. Wenn auch das Ereignis der Pest schon etwa 200 Jahre zurücklag, als Manzoni seinen Roman begann, so war sie im Gedächtnis der Bevölkerung sehr gegenwärtig. Manzoni griff auf eine Schrift von Petro Verri zurück, den Beobachtungen über die Folter, in denen Aspekte der Pest beschrieben wurden. Das war zusammen mit zwei alten Chroniken, eine wichtige Quelle für den Roman. Die Neuheit von Manzonis Roman – nicht nur in Italien – kann besser verstanden werden, wenn man bedenkt, dass die Themen der historischen Romanen meistens ein mythisiertes Mittelalter betrafen.
Der Roman, in Deutschland auch als Die Verlobten bekannt, wurde im Jahr 2000 neu von Burkard Kroeber übersetzt. Bei Hanser und dtv kann der Roman unter „Hanser e library.com einfach gelesen werden, auch andere Ausgaben sind immer im Netz verfügbar); Eine Lektüre des Kapitels 34 bietet eine interessante Einführung in die Beschreibung der Pest im Roman. Hier kehrt die Hauptperson des Romans, Renzo, während der Pest nach Mailand zurück, um nach seiner Verlobten, Lucia, zu suchen. Die beiden hatten wegen des Widerstands von Don Rodrigo, dem Gutbesitzer ihres Dorfes bei Lecco (am Comer See) keine Möglichkeit gehabt, zu heiraten; dieser Wiederstand verursachte mehrere Abenteuer für die beiden Hauptpersonen, die den Stoff der Erzählung bilden. Eines dieser Abenteuer besteht darin, dass Renzo, nach der erzwungenen Trennung von Lucia und ihrer Mutter Agnese, in Mailand in Unruhen wegen der durch die Pest bedingten Hungernot geriet; er wurde zu Unrecht als verantwortlich für diese Unruhe angeklagt, so dass er nach Bergamo – damals unter der Herrschaft von Venedig – auswanderte. Als er dann im Kap. 34. nach Mailand wiederkehrt, hat die Pest überwunden; er ist jetzt klüger geworden, will jeden Zwischenfall vermeiden und versucht keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er will vor allem das Haus finden, wo Lucia als Gast eines Gelehrten und seiner Frau – Don Ferrante und Donna Prassede – wohnen sollte; aber es ist sehr schwer, in einer Stadt, in der Misstrauen und Feindseligkeit wegen der Pest herrschen, Auskünfte zu erhalten. Er wird mit einem „Untore“, einem Anstreicher verwechselt; man glaubte die Pest käme aus dem Öl, mit dem manche die Mauer ihrer Gebäude gestrichen hatten. Renzo kann sich nur mit Hilfe der „Monatti“ (Leichenträger) retten; am Ende des Kapitels hat Renzo das Haus gefunden und erfahren, dass Lucia in Lazzaretto (im Spital für die Pestkranken) untergebracht ist. Im Kapitel 34 wechseln sich immer „Schlecht“ und „Gut“, negative und positive Aspekte ab.
Zu den guten Aspekten gehört u.a.: Renzos Barmherzigkeit. Er schenkt sein Brot einer Frau, die nach dem Tod ihres Gatten zusammen mit ihren Kindern in ihrer Wohnung zurückgelassen und vergessen wurde. Renzo trifft einen Priester, der nach seinen Hinweisen dieser Frau hilft. In einer der berühmtesten Stelle des Romans, gibt die Mutter die Leiche ihrer kleinen Tochter – Cecilia – an den „Monatti“ (Leichenträger) mit der Bitte, am Abend wiederzukehren, um auch sie und die andere Tochter zu holen, da sie dann sicher gestorben sein werden.
Zu den negativen Aspekten gehören auch die Beschreibung der Pest in Mailand und der Zusammenhang mit der Folter, denn manche Personen wurden als Pest-Verursacher verdächtigt und gefoltert, darunter ein unschuldiger Friseur wie Giovanni Mora. Damals waren die Friseure oft auch ein Art von Krankenpfleger, die z. B. Wunden versorgten. Manzoni beschrieb und analysierte vor allem die Unwissenheit und den Aberglauben, mit der sich die ganze – auch gebildete und reiche – Bevölkerung der Pest entgegen stellte; z. B. gingen alle in Mailand mit unnützen Hilfsmitteln auf die Straße und haben absichtlich jede vernünftige Vorsichtmaßnahme abgelehnt. Die ganze Beschreibung der Pest in den vorherigen Kapiteln folgt dieser Leitlinie: alle haben das begründete Gutachten einiger Ärzten abgelehnt, in erster Linie die politische Institutionen, aber auch andere Ärzte, auch gebildete Personen und noch mehr die ganze Bevölkerung; diese ganze gesellschaftliche Haltung hat nur ein Ziel erreicht, nämlich die grenzenlose Verbreitung der Pest. Auch wer, wie der Kardinal Federigo Borromeo, im Roman als Gipfel der Tugend und der Bildung dargestellt wird, hat am Ende keine geistige, intellektuelle Kraft gehabt, um diesen Aberglauben zu bekämpfen, auch wenn er ein noch unerreichtes Beispiel von Barmherzigkeit und Selbstopfer vorgelebt hat.
Im folgenden Kapitel 35. findet Renzo dann das Lazzaretto; dort begegnet er nach langen Jahren Padre Cristoforo wieder. Dieser Kapuziner, der Renzo und Lucia gegen ihren Widersacher Don Rodrigo verteidigt und das Paar gerettet hatte, ist neben Kardinal Borromeo ein weiteres Vorbild an Tugend, Barmherzigkeit und Selbstopfer innerhalb des Romans. Goethe, wenngleich Protestant, hatte an Manzoni den echten Katholizismus Manzoni bewundert gegen die „unechte“, nach seiner Meinung künstliche Religiosität der Romantiker. Manzonis Katholizismus ist sehr komplex und vielschichtig: ein solcher Katholizismus war geprägt von der Auseinandersetzung mit der französischen Revolution. Die Ansprache von Padre Cristoforo an Renzo lehnt grundsätzlich jede Rache ab und propagiert die Vergebung auch in politischer Hinsicht. Im Lazzaretto besucht Padre Cristoforo zusammen mit Renzo den sterbenden Don Rodrigo und sie beten gemeinsam für ihn: Verzeihung bedeutet nämlich, dass auch die Feinde geliebt werden müssen. Durch die Hilfe von Padre Cristoforo kann Renzo im folgenden Kapitel 36. Lucia, die inzwischen die Pest überstanden hat, wiederfinden. Am Gipfel ihrer Schwierigkeiten, als der „Innominato“ (der Ungenannte) sie unter Anweisung von Don Rodrigo entführt hatte, hatte Lucia vor der Madonna ein Keuschheitsgelübde abgelegt, aber Padre Cristoforo löste mit der Autorität der Kirche diese Gelübde auf; so konnten Renzo und Lucia endlich heiraten. Als Renzo – zu Beginn von Kap. 37. – Mailand unter einem heftigen Regen lässt, um die Hochzeit in seinem Dorf vorzubereiten, wird die Pest gerade durch diesem Regen endlich beendet. In diesen Kapiteln 35.-38.wird Manzonis Auffassung von der göttlichen Vorsehung ersichtlich: nicht als eine „Instanz“ von oben, sondern etwas, das sich durch die Geschichte vollzieht; so erschien die Vorsehung fast als eine Steigerung und Vollendung der menschlichen Geschichte selbst.





