Introspektion - Einen Schritt zurück

 

von Prof. Dr. Rolf-Ulrich Kunze

gibt es im Fußboden manchmal Klappen, die sich öffnen lassen. Dann fällt der Blick auf ein gemaltes Holzbild von ziemlich schlecht dargestellten Höllenflammen. Es geht dabei weniger um die realistische Veranschaulichung des Höllenfeuers, sondern einzig und allein um die Erinnerung daran, wie nah es uns jederzeit ist. Und dass es auch dann brennt, wenn wir die Klappe wohlgeschlossen halten. Wer in einem solchen Bewusstsein aufwächst, hat mehr als genug, worüber nachzudenken sich nicht vermeiden lässt.

Spätestens an diesem Punkt wird üblicherweise vorgetragen, dass Religion in der Moderne sowieso verschwindet und Modernisierung gleichbedeutend mit diesem Verschwinden ist. Das Höllenflammenbild wird so zum Paradebeispiel für Aberglauben. Aber ist das alles? Je ärgerlicher eine solche Form der Abwehr vorgetragen wird, je unduldsamer sie auf die unanfechtbaren ewigen und objektiven Gesetze der Diesseitigkeit pocht, desto ähnlicher wird sie dem lauten Pfeifen des Kindes im dunklen Keller. Es fehlt den meisten Menschen einfach längst an persönlicher Erfahrung und Anschauung, welche emotionale Entlastung nicht nur von einem persönlichen Glauben, sondern ganz allgemein von einer Persönlichkeitsprägung ausgehen kann, die sich nicht ängstlich alles Transzendente vom Leibe halten muss.

Die Höllenflammen konnten in der Vormoderne primitiv gemalt sein, weil jeder Mensch existenzielle Abgründe aus der eigenen Biographie kannte. Das Existenzielle der Erfahrung von Leiden und Tod verschwindet nicht etwa dadurch, dass es in unseren postmodernen Biographien auf einem Teil der Welt ganz an den Rand gerückt ist und äußerst diskret behandelt wird. Es gibt keine Grausamkeit, die für uns nicht a few clicks away ist. Wir können sie sogar in Echtzeit verfolgen. Aber darüber lächeln, wenn nach dem Ende der Ära des Kohlebergbaus in Dokumentationen daran erinnert wird, dass auch für den Bergmann der Tod ein ständiger Begleiter war.

Die vita Christiana stellt ein anderes Verhältnis zur Zeit und zur Relevanz her. Und dann kommt der luxuriöseste Gedanke der Universalgeschichte noch obenauf, den Luther formuliert hat: Weder kann noch muss der Mensch sich selbst erlösen. Er ist es schon.