Tu quoque - Am Tag des Beginns von Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine

 

von Prof. Dr. Rolf-Urlich Kunze

Auf dem Schulhof: Onno verprügelt Fiete. Die Pausenaufsicht schreitet ein. Onno sagt, Fiete habe auch gehauen. Im zeitgeschichtlichen Seminar: Fiete hält ein Referat über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Onno sagt in der Diskussion, die Amerikaner verletzten auch das Völkerrecht. Auf Facebook: Onno schreibt, alle Impfmaßnahmenbefürworter wollten Ungeimpf-ten die Grundrechte absprechen. Fiete widerspricht. Onno antwortet, daran sehe man, dass selbst das Grundrecht auf Meinungsfreiheit eingeschränkt werde.
Ob zuhause, im Kindergarten oder später: Onno könnte gelernt haben, dass ein Tu quoque-Argument eines der schwächeren im Arsenal der rhetorischen Waffen ist. Denn es bietet keinen allgemein akzeptierten Grund, sondern lenkt vom eigentlichen Tatbestand durch eine Gleichsetzung von Täter und Opfer ab. Zudem unterstellt es Motive, die weder überprüfbar noch für den in Rede stehenden Sachverhalt relevant sind. Mit weit aufgerissenen Unschuldsaugen auf die spezielle oder allgemeine Schuld eines anderen oder anderer zu verweisen, ist der Inbegriff von Whataboutism. Dieser verallgemeinert lediglich die zweite Person Singular des Tu quoque-Arguments in einen kollektiven Plural: Die da auch! Oder vielmehr: Ihr da auch!
Das Leben entspricht selten den Qualitätsstandards der reinen Argumentationslehre, nicht einmal in den so gerühmten Sternstunden des Parlaments. Vor Gericht ist es ohnehin erlaubt, jedes Argument zu verwenden, das nützlich scheint. Um dann zu erleben, dass dies im Rechtsstaat für alle Prozessbeteiligten gilt. Staatsanwältin oder Anwalt werden zum Beispiel im Strafrechtsprozess das Vorgetragene unbeeindruckt darauf prüfen, ob es einem gesetzlich festgeschriebenen Tatbestand objektiv und subjektiv subsumierbar ist. Ob Rechtfertigungsgründe für die Erfüllung des Tatbestands wie Notwehr gegeben sind. Ob die Schuld im Sinne der Zurechenbarkeit einer tatbestandsmäßigen, ungerechtfertigten Handlung und der Ausschließbarkeit von Schuldminderungsgründen vorliegt.
Wenn Tu quoque besonders häufig verwendet wird, sagt dies etwas über die Qualität einer Diskussion. Und einer Gesellschaft. In verschwörungstheoretischen Kontexten ist es das am zweithäufigsten auftretende Argument nach dem häufigsten Argumentsubstitut, der Ego-Artikulation charismatischer Teilhabe am Licht der Wahrheit. Und am Wegreißen des Schleiers aus Lug und Trug. Einerseits ist Tu quoque menschlich. Andererseits ist es gefährlich, weil es der argumentativen Diversion dient und von der Diskussion um Gründe ablenkt.
So einfach wie manchmal auf dem Schulhof ist es nicht überall.